„Pfiati Gott“

Die Pfarre Gersthof ist eine mächtige Backsteinkirche. Alle Reihen sind gefüllt. Es ist kalt. Unter dem Sitz surrt leise eine Heizung. Ich falte meine Beine so weit wie möglich unter die Bank. Auf den Waden spüre ich die angewärmte Luft. Mir ist trotzdem kalt. Vielleicht hat das auch was mit Abschied nehmen zu tun.

Ich achte auf die Gestik und Mimik des Priesters, ein enger Freund des Verstorbenen. Ich beobachte die non-verbale oder geflüsterte Kommunikation unter den Ministrierenden. Mir sind die Worte und Bewegungen der heiligen Messe vertraut. Sie sind in mir noch von meiner frühen Schulzeit abgespeichert. Ich entscheide, in großer Wertschätzung zuzuhören, jedoch bewusst nicht mitzusprechen. Die Religion gibt mir persönlich keine Orientierung, keinen Trost. Ja sehr oft bin ich sogar im Widerstand. Doch auch dem gebe ich heute keinen Platz. Es geht nicht um mich. Ich fühle mich ein wenig unwohl, in meiner scheinbaren Passivität. Mit dem Friedensgruß finde ich einen Weg zur offensichtlichen Teilnahme. Mit dem Friedensgruß kann ich gut. Ich ziehe meinen rechten Handschuh aus und wende mich zu all den Personen um mich. Wir schütteln uns die Hände, schauen einander in die Augen, nicken und wünschen uns Frieden.

„meine Augen öffneten sich“ – „er betete mit seinen Fragen“ – „ich bewunderte seinen Mut“ – „das freie Wort war ihm heilig“ – „Pfiati Gott Adolf“

Weggefährten und Freunde preisen und ehren seinen brillanter Intellekt und seinen kritischen Geist.

Ich wusste von Adolf Holls publiker Gelehrtheit nur durch ein Ö1 Interview mit Renata Schmidtkunz anlässlich seines 85. Geburtstages. Ich kannte ihn ausschließlich, und das entfernt, als Privatperson, als Partner meiner lieben Inge, der ich wöchentlich vorlese. Ich kannte ihn als jenen Mann, der in Mitten unserer Lese-Session vom Büro nachhause kam, Inge einen Kuss auf die Stirn drückte, sich ein (Nach-)Mittagessen wärmte oder ein Brot richtete, damit zu uns ins Wohnzimmer kam und beim Coachtisch aß. Er hörte zu, rauchte nach dem Essen eine Zigarette und begab sich dann ins Schlafzimmer für sein geliebtes „Mittagsschlaferl“, das ihn weit in den späten Nachmittag trug. So hab ich ihn kennengelernt.

Nach und nach wurde sein Bewegungs- und Gedächtnisraum enger, leiser. Er saß bei meinem Eintreffen oft im Garten, mit gelbgetönter Sonnenbrille und Kappe. Ich schüttelte seine knöcherne Hand. Wir wechselten ein paar Worte, ich ging weiter zu Inge.

Ich habe durch die medialen Nachrufe und die Reden im Rahmen der Verabschiedung, die Person des öffentlich-intellektuellen Lebens näher kennengelernt. Erinnern werde ich mich an den Adolf, der im Garten sitzt und den Krähen zuschaut. Ein Lächeln auf den schmalen Lippen. Still. Dankbar.

Ein Gedanke zu „„Pfiati Gott“

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