Um die Ruabn

Nehmt bitte Platz, heute erzähle ich (endlich wieder) eine ad-hoc-Geschichte*

Er stützt beide Hände auf die weiche Matratze, lässt seinen Oberkörper nach vorne kippen und stemmt sich mit einem kratzigen Seufzer in die Höhe. Die Fingerkuppen seiner rechten Hand tasten nach dem Nachtkästen. Er verharrt kurz, atmet sich ins Gleichgewicht. Schlurfend verlässt er das kalte Kabinett, geht in die warme Küche. Der Stuhl knarrt, als er sich darauf niederlässt.
„Gehst zum Adler-Markt?“, fragt Gundi und stellt ihm sein Kaffeehäferl und ein Wurstbrot auf den Tisch. „Mmmh“, brummelt Hermann.
„Nimm die dicke Jackn“ – „Mmmh“.
Gundi klimpert mit dem Besteck, Hermann klackst mit den falschen Zähnen.
„I mach a Gulasch, komm net z‘spät, sunnst is koit“ – „Mmmh“.
„Stö da vur, da Stickl Hans is vom Traktor gfolln, die Resi hat gestern den gonzen Tog g‘reat. Wer soi denn jetza die Ruabn einhoin? I hab ihr eh gsogt, sie hättaten scho längst den Hof aufgeben soin, so wia mia, aber d’Resi hat nur g‘reat, i hob’s fast net verstonden, so gschluchzt hots, aber i hob gsogt …“
Hermann hievt seinen stämmigen und doch so kraftlosen Körper hoch, verlässt die Küche. Gundi schaltet Radio Burgenland lauter, spült das Geschirr.

Hermann schlüpft schnaufend in seine Schuhe. Er zieht die blaue Wollhaube über den fast kahlen Kopf, die großen Ohren bleiben unbedeckt. Er greift zum Koffer, klemmt sich den Klappsessel unter den Arm. Gundi schimpft mit dem Radio, kehrt den Küchenboden.
Hermann zieht die Haustür zu. Steif steigt er Stufe für kalte Stufe hinunter „is eh no z‘ friah fürd Ruabn“

Am Eck, rechts vom Penny-Eingang stellt er seinen Sessel auf, öffnet den Koffer und beginnt zu spielen. Zwei Lieder kann er. Die Leute verweilen nicht lange genug um das magere Repertoire zu bemerken. Er spielt, nickt den Leuten zu und schaut doch durch sie durch.
Es ist Samstag. Es ist viel los. Ab und an scheppert eine Münze auf dem Plastikteller. „Da orme Hansi, wie soi der denn aufhörn, der hot jo gor ka Akkordeon.“

 

*Mit ad-hoc-Geschichte meine ich eine, „30-Minuten-Drauflosschreib-Geschichte“.

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